|
wie ich ihm
von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!
-- Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzaehlt",
schluchzte die alte Frau.
Dann fuegte sie ruhiger hinzu:
"Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,
welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk
einmal zu sehen?
-- Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.
-- Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?
-- Ja gewiss, aber ich muss wohl noch hinzufuegen, dass Nicolaus Korpanoff aus
Gruenden, die ihm ueber Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,
gezwungen schien, das Land moeglichst unerkannt zu durchziehen. Es war fuer
ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und
Gewissenspflicht.
-- Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte
Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, fuer deren
Erfuellung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuss, ach
vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiss jetzt
Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du
hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir
angezuendet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein
Geheimniss nicht mittheilte, so muss auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,
Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.
-- Ich verlange keine Belohnung, Mutter", antwortete Nadia.
Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das
unerklaerliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu
Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen
Augenblick mehr, dass der Begleiter des jungen Maedchens Michael Strogoff
gewesen sei, dass eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er
durch das ueberfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine
Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.
"O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht
verrathen und keine Tortur soll mir das Gestaendniss ablocken, dass Du es
wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!"
Marfa Strogoff haette Nadia mit einem Worte fuer ihre erwiesene Ergebenheit
belohnen koennen. Sie konnte ihr mittheilen, dass ihr Begleiter Nicolaus
Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch
umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher g
|