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Sie mir.
Auswendig kann ich beinahe nichts."
"Oh, dann spielen Sie dieses Beinahe-nichts! Und zum Ueberfluss sind hier
Noten, hier liegen sie, oben auf dem Klavier. Nein, dies hier ist
nichts. Aber hier ist Chopin ..."
"Chopin?"
"Ja, die Nocturnes. Und nun fehlt nur, dass ich die Kerzen anzuende ..."
"Glauben Sie nicht, dass ich spiele, Herr Spinell! Ich darf nicht. Wenn
es mir nun schadet?!" --
Er verstummte. Er stand, mit seinen grossen Fuessen, seinem langen,
schwarzen Rock und seinem grauhaarigen, verwischten, bartlosen Kopf, im
Lichte der beiden Klavierkerzen und liess die Haende hinunterhaengen.
"Nun bitte ich nicht mehr", sagte er endlich leise. "Wenn Sie fuerchten,
sich zu schaden, gnaedige Frau, so lassen Sie die Schoenheit tot und
stumm, die unter ihren Fingern laut werden moechte. Sie waren nicht immer
so sehr verstaendig; wenigstens nicht, als es im Gegenteile galt, sich
der Schoenheit zu begeben. Sie waren nicht besorgt um Ihren Koerper und
zeigten einen unbedenklicheren und festeren Willen, als Sie den
Springbrunnen verliessen und die kleine goldene Krone ablegten ... Hoeren
Sie", sagte er nach einer Pause, und seine Stimme senkte sich noch mehr,
"wenn Sie jetzt hier niedersitzen und spielen wie einst, als noch Ihr
Vater neben Ihnen stand und seine Geige jene Toene singen liess, die Sie
weinen machten ... dann kann es geschehen, dass man sie wieder heimlich
in Ihrem Haare blinken sieht, die kleine, goldene Krone ..."
"Wirklich?" fragte sie und laechelte ... Zufaellig versagte ihr die Stimme
bei diesem Wort, so dass es zur Haelfte heiser und zur Haelfte tonlos
herauskam. Sie huestelte und sagte dann: "Sind es wirklich die Nocturnes
von Chopin, die Sie da haben?"
"Gewiss. Sie sind aufgeschlagen, und alles ist bereit."
"Nun, so will ich denn in Gottes Namen eins davon spielen", sagte sie.
"Aber nur eines, hoeren Sie? Dann werden Sie ohnehin fuer immer genug
haben."
Damit erhob sie sich, legte ihre Handarbeit beiseite und ging zum
Klavier. Sie nahm auf dem Drehsessel Platz, auf dem ein paar gebundene
Notenbuecher lagen, richtete die Leuchter und blaetterte in den Noten.
Herr Spinell hatte einen Stuhl an ihre Seite gerueckt und sass neben ihr
wie ein Musiklehrer.
Sie spielte das Nocturne in Es-Dur, opus 9, Nummer 2. Wenn sie wirklich
einiges verlernt hatte, so musste ihr Vortrag ehedem vollkommen
kuenstlerisch gewesen sein. Das Piano war nur mittelmaessig, aber schon
nach den ersten Gri
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